Im Herbst sammelte ich alle meine Sorgen
und vergrub sie in meinem Garten.
Und als der April wiederkehrte und
der Frühling kam, die Erde zu heiraten,
da wuchsen in meinem Garten schöne Blumen,
nicht zu vergleichen mit allen anderen Blumen.

Und meine Nachbarn kamen, um sie anzuschauen,
und sie sagten zu mir:

Willst du uns, wenn der Herbst wiederkommt,
zur Saatzeit, nicht auch Samen dieser Blumen geben,
damit wir sie in unseren Gärten haben?

 

                                    Kahlil Gibran (1883-1931)

Es war, als hätt der Himmel
(Joseph von Eichendorff)


Es war, als hätt der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis' die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

 

Das sanfte Geräusch des Windes,

der über einen Teich hinstreicht - und der Geruch des Windes

gereinigt vom Mittagsregen

oder schwer vom Duft der Kiefern.

 

Die Luft ist kostbar für uns,

denn alle Dinge teilen denselben Atem

- das Tier, der Baum, der Mensch,

Sie alle teilen denselben Atem ...

 

Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens,

er ist darin nur eine Faser.

Was immer ihr dem Gewebe antut,

das tut Ihr Euch selber an.

 

 

Chief Seattle (Häuptling der Suquamisch- und Duramisch Indianer)

1786 - 1866

Frühzeitiger Frühling

Tage der Wonne,
Kommt ihr so bald?
Schenkt mir die Sonne
Hügel und Wald?

Reichlicher fliessen
Bächlein zumal.
Sind es die Wiesen?
Ist es das Tal?

Blauliche Frische!
Himmel und Höh!
Goldene Fische
Wimmeln im See.

Buntes Gefieder
Rauschet im Hain;
Himmlische Lieder
Schallen darein.

Unter des Grünen
Blühender Kraft
Naschen die Bienen
Summend am Saft.

Leise Bewegung
Bebt in der Luft,
Reizende Regung,
Schläfernder Duft.

Mächtiger rühret
Bald sich ein Hauch,
Doch er verlieret
Gleich sich im Strauch.

Aber zum Busen
Kehrt er zurück.
Helfet, ihr Musen,
Tragen das Glück!

Saget, seit gestern
Wie mir geschah?
Liebliche Schwestern,
Liebchen ist da!

- Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter -